Hunderttausende Unternehmen in Deutschland stehen vor der Übergabe. Im Zeitraum von 2026 bis 2030 rechnet das ifm Bonn mit rund 186.000 Unternehmen, die eine Nachfolge suchen werden (ifM Bonn, 2025). Gleichzeitig wächst eine Generation gut ausgebildeter Fach- und Führungskräfte heran, die Verantwortung übernehmen will und in klassischen Karrieren oft an Grenzen stößt. Zwischen diesen beiden Entwicklungen liegt ein blinder Fleck der Gründungsdebatte: Entrepreneurship Through Acquisition (ETA), also die Übernahme eines bestehenden Unternehmens als Lebensentscheidung für qualifizierte Fachkräfte. Noch wird darüber in Deutschland wenig gesprochen. Zu Unrecht. Denn ETA kann nicht nur individuelle Karrieren verändern, sondern auch volkswirtschaftliche Stabilität sichern.
Die Unternehmensnachfolge wird häufig als privates Thema einzelner Unternehmer*innen verhandelt. Tatsächlich ist sie aber ein systemisches Problem. Laut KfW Nachfolgemonitor 2025 entscheiden sich immer mehr Unternehmen für eine Stilllegung. Dies liegt u.a. auch daran, dass es immer weniger Familienübergaben und kaum Übernahmegründer*innen gibt. Ein Startup zu gründen, wirkt cooler als ein vermeintlich „verstaubtes“ Unternehmen eines/einer 60-Jährigen zu übernehmen. Zur Realität gehört aber auch: Das Geschäftsmodell der bestehenden Unternehmen ist meist runtergerockt und Strukturen veraltet. Im Jahr 2023 entschieden sich nur 45.000 Personen für eine Übernahme. Somit wird der „Kandidatenmangel mit Abstand zum größten Stolperstein“ (KfW Nachfolgemonitor 2025: S.5).
Gleichzeitig erleben viele qualifizierte Erwerbstätige, dass sie in ihrem Konzern zwar die formelle Verantwortung tragen, aber keine Entscheidungsmacht haben. In vielen Führungsrollen besteht der Alltag weniger aus unternehmerischem Handeln als aus Abstimmung, externe Entscheidungen ausführen, Erwartungsmanagement und interner Politik. Wertschöpfung wird abstrakt, Wirkung indirekt. Der Gestaltungsspielraum ist also eingeschränkt, wodurch der Frust bei manchen steigt.
ETA wird vor diesem Hintergrund für diese Zielgruppe nicht zur Flucht aus dem System, sondern zur bewussten Alternative für einen neuen Lebensweg: Verantwortung und Entscheidungsmacht fallen wieder zusammen, Wirkung wird konkret, und unternehmerisches Handeln ersetzt dauerhafte Koordination. Außerdem werden auf dem Weg viele neue Fähigkeiten erlernt, Kontakt geknüpft und sich neues Wissen angeeignet.
Auffällig ist dabei weniger ein Mangel an Interesse als ein Mangel an Sichtbarkeit. Für Unternehmensnachfolge – und insbesondere für ETA – existieren in Deutschland kaum belastbare Statistiken1. Die meisten Zahlen beruhen auf Schätzungen, etwa des IfM Bonn, weil Übernahmen statistisch nicht gut dokumentiert sind. Das bedeutet auch, dass nicht nach Motivation oder Lebenssituation der Übernehmenden unterschieden wird. Ob jemand aus einer Führungsposition heraus übernimmt oder aus einer ganz anderen Ausgangslage, bleibt unsichtbar.
Diese Unsichtbarkeit hat Folgen: ETA erscheint nicht als eigenständige Option, sondern verschwindet in Sammelkategorien wie „Nachfolge“. Manche erfahrene Fach- und Führungskräfte wissen deshalb gar nicht, dass eine Unternehmensübernahme für sie ein realistischer Weg sein könnte – und finden in Deutschland kaum Unterstützungsangebote, die ihre spezifische Situation adressieren.
1„Es gibt keine amtliche Statistik, die verlässlich Auskunft über das Nachfolgegeschehen gibt.“ (ifM Bonn, 2025).
Ein Blick in die USA zeigt, wie stark Framing und Sprache darüber entscheiden, ob Unternehmensübernahmen als reale Option wahrgenommen werden. Eine der sichtbarsten Stimmen ist dort Codie Sanchez. Sie nutzt bewusst nicht den akademischen Begriff ETA, sondern übersetzt das Modell in eine alltagsnahe Erzählung: Unternehmertum als Eigentum an realen, profitablen Unternehmen statt als spekulatives Startup-Experiment. Ihr Fokus liegt auf sogenannten „ordinary businesses“ mit stabilem Cashflow – Wäschereien, Handwerksbetriebe, Serviceunternehmen – und auf der Botschaft, dass Übernahme kein elitäres Finanzspiel, sondern ein zugänglicher Weg zu unternehmerischer Verantwortung und Unabhängigkeit ist. Dieses konträre Framing – weg vom Venture-Hype, hin zu Ownership und operativer Realität – macht sichtbar, was in Deutschland oft fehlt: eine Sprache, die Unternehmensübernahme nicht als Sonderfall der Nachfolge, sondern als legitimen, nachvollziehbaren Karriere- und Lebensweg adressiert.
Auch an führenden internationalen Hochschulen wird Entrepreneurship Through Acquisition inzwischen systematisch gelehrt. Eine zentrale Rolle spielt dabei Richard S. Ruback, Professor an der Harvard Business School, der gemeinsam mit Royce Yudkoff maßgeblich zur akademischen Fundierung des ETA-Ansatzes beigetragen hat. Ruback unterrichtet seit Jahren Kurse zu Unternehmensübernahmen als unternehmerischem Karriereweg und macht damit sichtbar, dass Übernahme kein Sonderfall der Finanzierung, sondern eine Form von Unternehmertum ist. Teile seiner Lehrinhalte sind öffentlich zugänglich – etwa über aufgezeichnete Vorlesungen auf YouTube oder Interviews wie „The 2 Professors Who Helped Start the ETA Movement“. Mit ihrem Buch „Buying a Small Business“ haben Ruback und Yudkoff zudem einen praxisnahen Referenzrahmen geschaffen, der ETA aus der Nische akademischer Fallstudien herauslöst und als realistische Option für angehende Unternehmer*innen positioniert.
In Europa gilt Spanien als einer der führenden ETA-Märkte (gemessen an der Zahl der Fonds und Deals). In einem Interview mit dem Serial Investor und Search Funds, José Cabiedes, sagt dieser, dass in Spanien nur sehr wenige Suchen scheitern. So läge die geschätzte „Fail Rate“ ca. 13 Prozent vs. geschätzt ~50 Prozent in Deutschland). Grund dafür seien eine vergleichsweise hohe Verfügbarkeit attraktiver Zielunternehmen, eine geringere Konkurrenz durch Private-Equity- und industrielle Käufer sowie eine größere kulturelle Offenheit der Verkäufer gegenüber jungen Erwerber*innen. Entscheidend war zudem die institutionelle Verankerung: Business Schools wie IESE und IE haben ETA und Search Funds seit über einem Jahrzehnt systematisch in Forschung, Lehre und Alumni-Netzwerke und eine Search-Fung-Konfrenz integriert. Dadurch entstand nicht nur Wissen, sondern auch Legitimität – für Investoren, Banken, Verkäuferinnen und potenzielle Übernehmer*innen.
Erfolgreiche Vorbilder wie Marc Bartomeus wirkten zusätzlich als Katalysatoren und machten ETA sichtbar als realistischen Karriere- und Nachfolgepfad. Spanien zeigt damit, dass Unternehmertum durch Übernahme kein Zufallsprodukt ist, sondern das Ergebnis eines bewusst aufgebauten Ökosystems – und genau darin liegt sein Vorsprung gegenüber vielen anderen europäischen Ländern.
In Deutschland beginnt diese Entwicklung gerade erst. Dies haben wir vor allem Prof. Helmut Schönenberger und Christian Mohr von der UnternehmerTUM zu verdanken, der das Thema vermehrt platziert. Mit Forschungsarbeiten, Lehrformaten und praxisnahen Programmen rund um Search Funds und Unternehmensnachfolge trägt die UnternehmerTUM seit Jahren dazu bei, ETA wissenschaftlich zu fundieren, praktisch umzusetzen und sichtbar zu machen. Darüber spricht Christian mit Kai Hasselmann in dieser Podcastfolge:
“Close the Deal” Podcast mit Christan Mohr „UnternehmerTUM – ETA statt Erbe?“
Wir als EVEREST beschäftigen uns mit ETA, weil wir überzeugt sind: Dieses Modell verdient mehr Sichtbarkeit – jenseits von Hype und Erfolgsmythen. Nicht als Allheilmittel, sondern als realistische Option für Menschen, die unabhängig sein und gestalten wollen, ohne bei null anzufangen. Für Menschen, die keinen schnellen EXIT planen, sondern ein echtes Interesse an dem Unternehmen haben, weil es zu ihrer Lebensplanung passt.
Dazu muss man sagen: ETA ist kein leichter Weg. Die Suchphase ist lang, emotional fordernd und oft frustrierend. Auch nach der Übernahme verändert sich das Leben grundlegend. Vermeidliche Sicherheit in der Hierarchie wird gegen Verantwortung und Gestaltungsspielraum getauscht. Aber es lohnt sich: Unternehmensübernahmen scheitern nicht so häufig wie Gründungen. Wieso? Es gibt schon Kund*innen, Strukturen, eine Infrastrukturen, ein eingespieltes Personal usw. Meistens muss das Geschäftsmodell modernisiert werden, aber dadurch entstehen meist viele Chancen.
Gerade deshalb ist ETA spannend. Es zwingt dazu, grundlegende Fragen zu stellen:
Wie möchte ich arbeiten? Welche Verantwortung will ich tragen? Welche Wirkung ist mir wichtig? Die gesellschaftliche Aufgabe ist, motivierte Fach- und Führungskräfte auf diesem Weg zu unterstützen. Diese Option sichtbar zu machen und sie lebensnah zu kommunizieren.
Entrepreneurship Through Acquisition ist also kein Nischenphänomen. Es ist eine unterschätzte Form von Unternehmertum, die Arbeitsplätze sichern, Lebenswerke erhält, Regionen stabilisieren, den Wirtschaftsstandort stärkt und neue Lebenswege eröffnet. Nicht für alle. Aber für mehr Menschen, die eine unabhängige und selbstbestimmte Lebensphilosophie haben.
Wir glauben: Wer Gründung ernsthaft fördern will, sollte Übernahme (und speziell ETA) mitdenken. Auf unserer Gründerplattform werden wir einen Beitrag dazu leisten.