Die Gründungszahlen in Deutschland sind auf dem Tiefpunkt. Das ist leider keine neue Information, aber eine wichtige. In Zahlen gesprochen bedeutet dies 57.000 weniger Menschen, die sich im Jahr 2022 im Vergleich zum Jahr davor selbstständig gemacht haben. Das ist ein Minus von 9 Prozent. Die Zahlen sinken sowohl im Voll- als auch im Nebenerwerb (Metzger, 2023). Der KfW Monitor aus dem Jahr 2024 bestätigt dies (Metzger, 2024).
Gleichzeitig können sich aber über 3,1 Millionen Erwachsene* laut German-Entrepreneurship-Monitor vorstellen, innerhalb der nächsten drei Jahre zu gründen (GEM, 2022/2023). Und auch die junge Bevölkerung ist motiviert: 64 Prozent der unter 30-Jährigen haben Interesse an einer Selbstständigkeit. Deshalb stellt sich die Frage:
Auch die Antwort darauf ist nicht wirklich neu. Bürokratie ist der meistgenannte Hinderungsgrund. So geben 23 Prozent der Erwerbstätigen ohne Gründungserfahrung an, dass weniger Bürokratie bei ihnen eine sehr starke positive Wirkung in Hinsicht auf die Gründungsmotivation erzielen würde (Metzger, 2023a). Eine Vereinfachung der Verwaltung hätte dabei einen positiven Effekt auf die individuelle Lebenssituation der Personen, die sich dadurch selbst verwirklichen können. Zusätzlich würde diese Entwicklung die deutsche Wirtschaft stärken. Insbesondere Soloselbstständige, die als freie Mitarbeiter*innen in Unternehmen arbeiten, fördern dort Innovationen und sorgen für einen höheren Digitalisierungsgrad, wie der Bundesverband für selbstständige Wissensarbeit e.V., der Verband der Gründer und Selbstständigen in Deutschland e. V. und die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. Köln in ihrer Studie herausfanden (Stettes, 2023).
Deswegen fragen wir uns, wie sich die Gründungslandschaft Deutschlands transformieren kann, um mehr Menschen dazu zu motivieren, sich einfach mal auszuprobieren. Um diese Frage zu beantworten, kann ein Blick zu unseren Nachbarn helfen – nach Frankreich. Dort gibt es seit 2009 einen innovativen Ansatz: den “Autoentrepreneur” (seit 2014 Micro-Entrepreneur).
Hierbei handelt es sich um einen steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Status, den Einzelunternehmer*innen wählen können, wenn sie unter einer bestimmten Umsatzgrenze bleiben. Der Status ist im Vergleich zu den anderen Optionen sehr unbürokratisch und eines lässt sich auf jeden Fall sagen: Er wird angenommen. Seit Einführung gab es einen Zuwachs von 33 Prozent an Selbstständigen in Frankreich (INSEE, 2020). Während in anderen europäischen Ländern die Gründungszahlen während der Pandemie sanken, stiegen sie in Frankreich (GEM, 2021 France). Seit seiner Einführung gab es einen regelrechten Boom (OECD, 2015). Im Juni 2022 waren 2,5 Millionen Franzosen und Französinnen als Autoentrepreneure registriert (URSSAF, 2023). Maëlanne Bonnicel, Hamburg-basierte Französische Unternehmensberaterin und ehemalige Nutzerin des Autoentrepreneur-Status, kommentiert das französische Konzept wie folgt:
„Ich konnte meine Selbstständigkeit mit weniger Risiko und Bürokratie testen. Dadurch wurde mir viel Stress genommen und ich konnte in Ruhe überlegen, ob die Existenzgründung für mich geeignet ist und was meine nächsten Schritte sind.“
Wie unkompliziert die Unternehmensgründung in Frankreich als Autoentrepreneur ist, zeigt der YouTuber Flo auf seinem Kanal "La micro by Flo". In seinen Videos nimmt er seine Community Schritt für Schritt mit durch den gesamten Prozess. Besonders aufschlussreich: Seine detaillierte Anleitung zur Unternehmensgründung, die er in nur 30 Minuten digital durchläuft und verständlich erklärt. Auch das Thema Steuererklärung als Autoentrepreneur ist erstaunlich kompakt – ein Beweis dafür, dass selbst vermeintlich komplexe Verwaltungsthemen nicht kompliziert sein müssen.
Wir haben uns deswegen nach dieser fundierten Analyse gefragt: Wie kann der Autoentrepreneur-Status uns dabei helfen, mehr Innovationen, Unternehmertum, spannende Gründungsgeschichten und Erfolge mit Raum zum kreativen Ausprobieren nach Deutschland zu bringen? Denn Transformation beginnt mit Aktion – oder, wie in diesem Fall, mit einem Blick über die eigenen Grenzen.
Wussten wir Ende 2023 noch nicht, wohin uns die Erkenntnisse aus der Analyse des Autoentrepreneurs hintragen werden, sind wir nun ein ganzes Stück weiter.
Was als strategische Analyse begann, hat sich zu einem spannenden Entwicklungsprojekt entfaltet, welchem wir uns gemeinsam mit der KfW widmen. Mit unserer Expertise begleiten wir den gesamten Prozess der Erarbeitung einer deutschen Gründungsvereinfachung für Kleinstunternehmen – von der ersten Konzeptidee bis zur finalen Umsetzung. Dabei vereinen wir die Rollen des Ideengebers und Projektentwicklers.
Konkret arbeiten wir an einem digitalen Service, der Soloselbstständige dabei unterstützt, sich möglichst einfach, digital und gut informiert bei allen notwendigen Behörden anzumelden und in die eigene Gründung zu starten. Unser Angebot setzt also keine Änderung der regulativen Rahmenbedingungen voraus und bündelt stattdessen alle in Deutschland verfügbaren Erleichterungen. Es ist im ersten Schritt zudem speziell auf die Soloselbstständigen zugeschnitten. Beispielsweise wird im Rahmen der steuerlichen Erstanmeldung die Kleinunternehmerregelung automatisch ausgewählt. Aufgrund dieser Vorauswahl wird die Anzahl der auszuwählenden Optionen bei der Anmeldung stark reduziert und der Aufwand während der Gründungsphase erheblich erleichtert.
Umgesetzt und getestet wird der Service zunächst in der Gründerplattform-App und wir sind sehr gespannt, wohin uns diese Reise führen wird.
Mit diesem “RegTech”-Ansatz, der bestehende Regularien pragmatisch vorkonfiguriert, erhoffen wir uns, mehr Menschen dazu zu motivieren, ihre Geschäftsidee in die Umsetzung zu bringen und sich einfach mal auszuprobieren. Auch nach der Anmeldung ist unser Anliegen, die Gründenden mit unserer Expertise weiter zu begleiten und beim Wachsen zu unterstützen.
(Erkenntnisse aus dem Gründungsmonitor 2024 ergänzt, Absatz Beschreibung Autoentrepreneur angepasst, Zitat von Mallanne Bonniciel eingefügt, Videoverweis von "La micro by Flo" ergänzt und Abschnitt Umsetzungsstand November 2024 hinzugefügt)
* Eigene Berechnung: Anzahl der Erwerbstätigen in Deutschland laut Destatis für 2022 im Jahresdurchschnitt (45,6 Mio) und den Entrepreneurial intentions (6,9%) aus dem Global Entrepreneurship Monitor 2023
Es ist endlich soweit: Der digitale Gründungsservice für Kleinstgründungen ist online!
Unter dem Namen „StartDeins“ ist der Service ab sofort in der Gründerplattform-App verfügbar.
Hier geht es zum StartDeins Flow in der Gründerplattform-App:
An dieser Stelle nochmal herzlichen Dank an alle, die uns auf diesem Weg unterstützt haben.
Der Dank geht an die Expertenrunde, die uns mit ihrem Fachwissen unterstützt hat:
Dr. Andreas Lutz (Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland, kurz VGSD e.V.), Peter Lutsch (Sidepreneur), Frank Lasch (GEM Frankreich, Montpellier Business School), Prof. Stephanie Birkner und Dr. Teita Bijedić-Krumm des ifM Bonn sowie Dr. Georg Metzger von der KfW Research.
Sowie an das Team von DIW Econ, das mit uns den Autoentrepreneur besonders gründlich untersucht hat.
Wer sich jetzt fragt: Was passiert denn mit den Gründer*innen, die nicht in das StartDeins Paket passen?
Auch für diese Gruppe haben wir die steuerliche Erfassung und Gewerbeanmeldung vereinfacht, sie müssen allerdings mehr Angaben machen, beispielsweise, weil sie Mitarbeitende haben. Für die steuerliche Erfassung existiert eine Schnittstelle direkt zu ELSTER, für die Gewerbeanmeldung wird derzeit noch ein ausgefülltes PDF generiert.
Aber auch hier gibt es Neuigkeiten. Seit September 2025 ist es in Berlin möglich, eine digitale Gewerbeanmeldung über die Gründerplattform-App zu versenden – inklusive Payment!
Mehr dazu in unserem Empower-Blog Eintrag: https://everest-x.de/empower-blog/digitale-gewerbeanmeldung-berlin/
Auch der nächste Schritt ist bereits definiert: Abmelden auf Knopfdruck. Damit wird der Gründungszyklus vollständig digital – ein weiterer Baustein auf dem Weg zu einem durchlässigen, teilhabeorientierten Gründungssystem. Außerdem werden wir StartDeins natürlich mit Nutzer*innen testen und stetig optimieren.